Sonntag, 22. August 2010

Hier rennen nicht nur die Quesadillas, sondern auch die Zeit

Die Woche ging ziemlich schnell vorbei. Der Dienstag abend war wohnungsbesichtigungsmäßig mal wieder ein kompletter Reinfall, was vor allem an den zwei dort untergebrachten, ihre natürlichen Bedürfnisse nicht zurückhalten könnenden Hunden lag. Mittwoch fuhr ich zum ersten Mal alleine nach Acatlán, um Prüfungsaufsicht bei der ÖSD-B2-Prüfung zu machen. Auf dem Rückweg wurde mir zum ersten Mal klar, was die Mexikaner eigentlich meinen, wenn sie sich konstant über die Regenzeit beschweren. Ich stiefelte nämlich in knöchelhohem Wasser zum Bus. Zuhause angekommen war der Regen natürlich vorbei und ich hatte auch Glück, da die U-Bahn nicht auch noch ausfiel. Am nächsten Morgen fuhr ich wieder nach Acatlán (diesmal hatte ich einen direkter Weg gefunden und war nach einer knappen Stunde schon - viel zu früh - da), denn diesmal waren die mündlichen Prüfungen dran und ich durfte aufpassen, dass in der Prüfungsvorbereitung nicht geschummelt wurde. Mein Mitbewohner Ricardo hatte übrigens die glänzende Idee gehabt, dass ich mir bei diesen Prüfungsaufsichten doch ein bißchen Extra dazuverdienen könnte. Nein, die Mexikaner sind gar nicht korrupt! Trotz meiner schwierigen finanziellen Lage (das Stipendiengeld lässt noch auf sich warten), sah ich davon ab und kam meiner Pflicht in deutscher Akurantheit nach. Mittags gingen meine Chefin und ich wieder lecker Italienisch essen. Als ich am späten Nachmittag die U-Bahn verließ, begann wieder der alltägliche Regenfall, sodass sich auf dem kurzen Umweg zur Bank und dann nach Hause meine Schuhe unfreiwillig in Regenstiefel verwandelten und ich vollkommen durchnässt ankam. Naja, daran muss ich mich wohl noch gewöhnen und dann einfach nach mexikanischer Art Tacos essend an der U-Bahn-Station warten. Als der Regen (nach etwa einer halben Stunde, länger geht das Spektakel kaum) endlich aufgehört hatte, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zu Starbucks. Dabei verlief ich mich ein bißchen, aber es war nicht der Rede wert. Entweder habe ich wirklich einen sehr schlechten Orientierungssinn oder Google Maps ist einfach vollkommen falsch. Ich denke, dass eher Letzteres zutrifft. Angekommen trank ich mit Julio und Patty, einer weiteren Freundin von Rocco Kaffee und wir quatschten. Später kam noch Ben, ein kanadischer Freund von Julio dazu, der bereits seit fünf Jahren hier lebt. Patty, die auch gerade erst nach D.F. gezogen ist, wurde dann noch auf den richtigen Weg in Richtung ihres vorübergehenden Zuhauses (das Haus ihrer Schwiegereltern in spe) gebracht und dann machte Julio Ben und mir den Vorschlag den Abend bei ihm Zuhause mit seinem Cousin (Danny, den ich auch schon aus Deutschland kenne) und dessen Freunden zu verbringen. Wir gingen also gemeinsam einkaufen und stellten uns dann erst auf die schätzungsweise 100 Quadratmeter große Terrasse (ja, ich weiß, ich neige zu Übertreibungen, aber sie ist wirklich riesig) und danach in das edle en einen Möbelhauskatalog erinnernde Wohnzimmer. Neben Dannys drei (oder vier?) Freunden tauchten auch noch zwei Freunde von Julio auf, von denen ich einen bereits auf dem Junggesellenabschied kennen gelernt hatte. Gegen halb drei Uhr morgens war ich dann Zuhause. Wieder hatte ich den Luxus direkt nach Hause gefahren zu werden.

Den nächsten Tag verbrachten mein Kater und ich lesenderweise im Bett. Einzig um Einkaufen zu gehen verließ ich das Haus. Als die Mädels abends nach Hause kamen, kochte Susanne leckere Tortilla Española mit Salat für uns und danach sahen wir noch einen anspruchslosen Film (Männerherzen, an dieser Stelle noch einmal herzlichsten Dank an meinen mich mit Filmen versorgenden Schwager!) anstelle mit Ricardo auf ein Konzert zu gehen.

Am Samstag fuhren Susanne, die im Übrigen endlich ein Zimmer gefunden hatte, und ich in die Innenstadt, d.h. zunächst einmal zum Zócalo, dem zentralen Platz. Damit ich auch endlich mal sagen kann, dass ich dort gewesen bin. Leider hatten wir nicht mit den Menschenmassen gerechnet geschweige denn damit, dass man jetzt schon die Feierlichkeiten am 15. und 16. September vorbereitet. Das ist der Nationalfeiertag und dieses Jahr ist bekanntlicherweise Bicentenario, was bedeutet, dass die Mexikaner nicht nur 100 Jahre Revolution, sondern vor allem auch 200 Jahre Unabhängigkeit feiern. Aus diesem Grund war die Sicht auf die Kathedrale durch eine riesige Bühne behindert. Außerdem standen schlangenweise Dixiklos ordentlich nebeneinander gereiht auf dem Platz und verschönerten ebenfalls nicht unbedingt das Bild. Die Gebäude rund um den Zócalo waren außerdem in den Nationalfarben mit mir sich nicht erschließenden Symbolen verhängt. Es gab sogar eine Anzeigetafel, an der man ablesen konnte wieviele Tage, Stunden, Minuten und Sekunden es noch bis zum Unabhängigkeitsschrei, dem berühmten Grito am 15. September nachts um elf auf dem Zócalo, sind. Zu den Vorbereitungen der Feierlichkeiten hinzu kam das anscheinend für einen Samstag übliche Gedränge. Jede Menge als Azteken verkleidete Tänzer, Hexen und Zauberer. Bei letzteren standen Mexikaner Schlange, um sich reinigen zu lassen oder sich die Zukunft voraussagen zu lassen. Schnellen Schrittes flüchteten wir aus dem Gedränge und Susanne versuchte den Weg zum Zapatistencafé zu finden, damit wir dort eine Pause einlegen konnten. Nach einem Spaziergang gelangten wir aus dem Gewussel der Innenstadt dorthin. Außer Postkarten konnten wir allerdings nichts weiter bekommen. Die Kaffeemaschine war kaputt und etwas zu Essen war auch nicht mehr im Angebot. Wir beschlossen an einem anderen Tag wiederzukommen, um Kaffee aus Chiapas zu trinken und uns mit bergeweise Revolutionssouveniren auszustatten. Außerdem rätselten wir, ob die mangelnde Ausstattung des Cafés möglicherweise mit dem Scheitern der Revolution zu tun haben mag (die Kenner unter euch wissen natürlich, dass es auch eine Streitfrage ist, ob die zapatistische Revolution wirklich gescheitert ist). Auf dem Rückweg Richtung Zócalo hielten wir an einer Taquería, in der wir - wie Susanne so schönt sagte - die einzigen Bleichgesichter waren. Wir schlugen uns den Magen mit Tacos voll und genossen die Atmosphäre. Dann spazierten wir wieder zurück, versorgten uns unterwegs mit Coffee to go und sahen uns dann noch die andere Seite der Innenstadt an. Auf der Straße Tacuba liefen wir am Café Tacuba (nach dem die Band benannt ist, ja!) vorbei. Wir sahen uns das brunkvolle Postgebäude und das überdimensionale Bellas Artes, das Kunstmuseum an und saßen eine Weile im Park Alameda und sahen den Dehnübungen einer Breakdancer zu. Auf dem Rückweg zur U-Bahn kauften wir noch Adapter. Zuhause angekommen, brach der tägliche Regenguss los und wir freuten uns, rechtzeitig den Rückweg angetreten zu sein. Abends fuhren wir mit der U-Bahn nach Coyoacán. Zwar hatte der Regen aufgehört, aber nichtsdesto trotz ähnelte unser Weg zur Cinemateca, dem nationalen Kino, eher einem Fluss als einer Straße. Zudem lernten wir mal wieder eine wichtige Lektion: vertraue nicht unbedingt den Wegbeschreibungen der Mexikaner! Zwar hatte ich mir per Google Maps (wobei meine schlechten Erfahrungen - oder mein schlechter Orientierungssinn? - schon an diesem Vorgehen zweifelten) vorher den Weg angesehen und theoretisch waren wir schon auf dem richtigen Weg, aber dann begangen wir den Fehler jemanden nach dem Weg zu fragen. Als wir endlich und glücklicherweise sogar noch pünktlich zu unserer Verabredung ankamen, stellten wir fest, dass wir im Prinzip fast einmal im Kreis gelaufen waren, d.h. wir haben ein bißchen "Oh, wie schön ist Panama!" gespielt. Angekommen bestaunten wir den riesigen Komplex, trafen uns mit meiner Chefin und sahen dann zu dritt den neuen mexikanischen Film "Las buenas hierbas". Wir freuten uns, schon etwas aus der Stadt wiederzuerkennen. Außerdem war der Film, der von einer Frau erzählte, sie an Alzheimer erkrankt, sowie von ihrer Tochter, sehr schön. Schönes lateinamerikanisches Kino! Der Eintritt war im Übrigen so billig (25 Pesos = etwa 1,50 Euro für mich, die ich ja Studentin hier bin ;)!), dass ich sicherlich öfter dort Gast sein werde. Anschließend fuhren wir noch in eine sehr schöne Cantina, die meine Chefin uns schon bei unserem Ausflug eine Woche vorher gezeigt hatte. Dort tranken wir Bier und unterhielten uns, aber nach zwei Bier fielen mir fast die Augen zu und so liefen wir zurück zum Auto. Dabei bemerkte ich erneut die Schönheit dieses Viertels. Auch bei Nacht ist es dort zwar dunkel und es ist niemand auf der Straße, aber die Verbindung von kleinen kolonialen Häusern und dem vielen Grün ist einfach beeindruckend. Sollte ich irgendwann hierher ziehen, dann nur, wenn ich ein kleines Häuschen in Coyoacán haben kann.

Heute ist Sonntag und wie jeder Sonntag auch in Deutschland mache ich nicht viel. Früh haben Susanne und ich uns auf die Suche nach einem Laden begeben, wo man drucken und kopieren kann. Da morgen die Schule wieder anfängt, war der Andrang im weit und breit einzigsten geöffneten Schreibwarengeschäft verständlicherweise sehr groß. A propos Öffnungszeiten: endlich hat sich mein Traum erfüllt! Denn abgesehen von kleineren Läden und den Märkten gibt es hier jede Menge Einkaufsmöglichkeiten, die 24 Stunden lang geöffnet sind. Alle Supermärkte und meistens auch ein zwei kleinere Läden um die Ecke! Gegen Mittag wurde Susanne dann von ihrer neuen Mitbewohnerin und jemanden, der eine Camioneta hat, abgeholt. Mit ihrem ganzen Zeug und der von uns ausgeliehenen Gästematratze (denn sie hat noch keine Möbel außer einen Einbauschrank in dem neuen Zuhause!), verließ sie uns also ganz plötzlich. Nun sitze ich ganz alleine in meinem Zimmer und muss nach fast zwei Wochen auch die erste Nacht alleine verbringen. Das wird sicherlich seltsam. Heute werde ich den restlichen Tag mit meinen Vorbereitungen für die erste Woche Unterricht verbringen (morgen geht es los! ich habe schon ein bißchen Angst...) und dann vielleicht Tatort sehen, wenn es das Internet mitmacht.

Nachtrag:
Achja, und was ich vergessen hatte zu erwähnen: unser Fahrstuhl (man muss dazu sagen, dass wir im fünften Stock wohnen) gibt immer mal wieder seinen Geist auf. Gestern Nacht kam mit uns (nachts halb zwei) ein Beschäftigter von Schindler (die haben ja augenscheinlich das weltweite Monopol für Fahrstühle), um einen Nachbarn zu befreien, der bereits mehrere Stunden dort verweilt hatte. Heute bei Susannes Umzug war dasselbe passiert, nur diesmal mussten die armen Personen nur etwa eine Stunde warten. Den Umzug ohne Fahrstuhl zu machen, war natürlich keine besonders nette Angewohnheit, aber wir versuchen jetzt erst einmal auf den Fahrstuhl zu verzichten. Solltet ihr länger keine Nachricht von mir bekommen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass ich wieder faul geworden bin und dafür bestraft wurde.

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