Dienstag, 7. September 2010

Endlich raus aus der Stadt - Cuautla und Tepoztlán

Samstag, 4. September und Sonntag, 5. September

Tatsächlich schaffte ich es gegen halb sieben (es war noch dunkel!) aufzustehen und mich auf den Weg nach Acatlán zu machen. Um neun begann der Kurs, den ich vertreten sollte. Eigentlich sollte es eine kleine Gruppe sein, die im Prinzip einen Theaterkurs gestalten sollte. Die Gruppe wuchs dann aber an, weil es doch noch mehr Anmeldungen gegeben hatte. Das Niveau des Kurses war zwar nicht so wie ich es erwartet hatte, aber die Motivation der Teilnehmer war - wie mir angekündigt worden war - doch eine andere als die derjenigen, die in der Woche kommen. Das liegt ganz einfach daran, dass am Wochenende Externe kommen, die auch einiges an Geld für den Kurs bezahlen müssen. Überfordert war ich allerdings mit der Tatsache, dass ein Blinder in dem Kurs war. Darauf war ich vollkommen unvorbereitet und musste ein bißchen improvisieren.

Als der Kurs um eins endlich vorbei war, wurde ich auch langsam wieder munter. Ricardo, der Susanne und mir ja angeboten hatte, mit ihm nach Cuautla zu seiner Familie zu fahren und von dort aus dann Tepoztlán anzusehen, hatte mir schon früh morgens (ich hatte ihn abends, als er von seinem Konzert zurückkam, nicht mehr gesehen) eine Nachricht geschrieben, dass er sich am Finger der rechten Hand verletzt hatte und nun auf dem Weg nach Cuautla sei, wo er zum Arzt gehen würde. Als Susanne und ich nach etwa anderthalben Stunden Fahrt Richtung Süden (inklusive Adam-Sandler-Film, was sonst? Nein, ich habe ihn mir wirklich nicht angesehen!) ankamen, hatte er einen riesigen Verband an der rechten Hand. Er hatte sich beim Aufstehen auf dem Konzert mit dem Finger in seiner Hose verhackt und ihn sich gebrochen (fragt mich nicht, wie das geht). Naja, das ist eben so, wenn man sehr groß ist. Er holte uns in einem sehr alten weißen Käfer ab (trotz dessen, dass er eigentlich nur mit einer Hand lenken konnte), der Susanne sofort in Entzücken versetzte. Ebenso der VW-Bus, der vor dem Haus von Ricardos Eltern stand, wo er uns zunächst hinfuhr. Seine Eltern waren zwar erst einmal nicht Zuhause, dafür aber alle möglichen Tiere (wenn ich richtig gezählt haben drei Katzen, zwei Hunde inklusive dreiwöchigem Nachwuchs der einen Hündin und Schildkröten) und einer seiner beiden Brüder, Roberto. Der Garten war ein Paradies. Ich kenne mindestens eine Person, die vor Entzücken Luftsprünge gemacht hätte. Ricardos Mama ist im Übrigen deutscher Abstammung (wird bald neben ihrem US-amerikanischen Pass - sie wurde in den USA auf der Durchreise ihrer deutschen Eltern geboren - auch einen deutschen Pass haben). Beide waren unglaublich süß zu uns und wir hatten dann auch ein schlechtes Gewissen, dass wir ihnen noch nicht einmal eine Kleinigkeit mitgebracht hatten. Kurze Zeit nach unserer Ankunft kam Ricardos Freundin, Marisol, und mit den beiden und Roberto fuhren wir in mit dem mindestens genauso klapprigen Bus (beide Fahrzeuge sind aus den 70er Jahren und seitdem augenscheinlich nicht besonders in Schuss gehalten worden) nach Tlayacapan, einem kleinen Ort in der Nähe, der für seine Handwerkskunst bekannt ist. Auf dem Weg dahin begann es allerdings (erneut) zu regnen, sodass wir eine halbe Straße mit Geschäften runterliefen und dann wieder zurück zum Auto. Trotz des Regens spazierten über den Markt, wo wir Maiskolben bzw. Esquite (Maiskörner mit Mayonnaise und Chili) aßen, und sahen wir uns noch das schöne alte Kloster an. Dann fuhren wir zurück nach Cuautla, wo wir Huaraches zum Abend aßen und wiederum Mechilada tranken. Gerne hätten wir uns noch etwas vom Zentrum der Stadt angesehen, denn Cuautla war die erste mexikanische Stadt, die 1911 von Zapata eingenommen wurde. Er wurde in der Nähe geboren und seine Überreste liegen auch hier. Aber wie gesagt, der Regen (und zugegeben auch unsere Müdigkeit) verhinderten, dass wir uns das alles ansehen konnten. Wir fuhren also zu Ricardo nach Hause, wo wir dann auch seine Eltern kennenlernten. Zwar versuchten wir noch einen Film im Internet zu sehen, aber der stockte aufgrund der Internetverbindung immer wieder und ich war todmüde.

Am nächsten Morgen nach einem ausführlichen Familienfrühstück machten wir uns auf den Weg – diesmal mit dem Auto von Ricardos Vater, der wohl Angst hatte wir würden mit einem der anderen Vehikel nicht da ankommen, wo wir hinwollten – nach Tepoztlán, einem kleinen Ort in der Nähe, der für einen angrenzenden Berg, den Tepozteco bekannt ist, auf dem sich eine alte Tempelruine befindet. Sie ist dem Gott Tepoztécatl gewidmet, der für die Ernte, die Fruchtbarkeit sowie Pulque, ein alkoholhaltiges Getränk aus Agave (woraus sonst?) verantwortlich ist. Das Dorf war wirklich sehr malerisch, aber wir hatten wohl einfach kein Glück, denn es regnete ununterbrochen. Offensichtlich war das darauf zurückzuführen, dass ich am Abend zuvor mein Essen nicht aufgegessen hatte – jedenfalls hielt man mir das vor! Zu Anfang waren wir aber noch zuversichtlich und beschlossen mit dem Aufstieg zu warten bis der Regen nachgelassen hatte. Wir tranken also erst einmal Kaffee, spazierten dann zum Kloster, sahen uns dieses an, liefen über den Markt. Inzwischen war auch Marisol zu uns gestoßen und wir entschlossen uns letztendlich den Aufstieg trotz mangelnder Besserung des Wetters zu beginnen. Während des sehr anstrengenden - da steilen – Aufstiegs hielt das Wetter auch noch mit. Oben angekommen begann es dann aber auch wieder zu gießen. Die Ruine war ganz nett anzusehen. Ebenso die Coatis (auf Deutsch ist das angeblich so etwas wie ein Nasenbär), die sehr gierig nach Essen verlangten und sich auf jede kleine Erdnuss stürzten, die man ihnen zuwarf. Leider sahen wir aber von der eigentlichen Attraktion, der wunderschönen Aussicht auf das unterhalb des Berges liegende Tal, aufgrund des Nebels absolut nichts. Es war einfach nur weiß. Da es inzwischen auch unangenehm nass war, machten wir uns also an den Abstieg und im Dorf unten angekommen steuerten wir geradewegs auf einen Ort zu, an dem wir etwas zum Essen bekommen konnten. Während wir auf unser Essen warteten (es gab eine Art dreieckige Maisbrötchen mit Füllung je nach Wunsch und Quesadillas), versorgten uns Susanne und Roberto mit unserem neuen Lieblingsgetränk (Michelada), das dann nach der ganzen körperlichen Anstrengung auch schnell zu Kopf stieg. Ich entdeckte außerdem ein neues Lieblingsessen: Quesadillas gefüllt mit Käse und Grashüpfern! Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam und Susanne war auch nicht so sehr begeistert, aber ich wollte sofort welche auf dem Markt besorgen, denn in Mexiko-Stadt sind sie wohl schwer zu bekommen. Wir waren aber spät dran und machten uns deswegen vollgefressen, müde und nass auf den Rückweg nach Cuautla, wo wir noch kurz mit Ricardos Eltern Tee tranken und von Mama selbst gebackenes Bananenbrot aßen. Dann verabschiedeten wir uns von Ricardos Mama und Marisol und Ricardos Vater brachte uns vier (alle drei Geschwister von Ricardo wohnen wie er in D.F.) zum Busbahnhof. Gegen halb elf waren wir müde, aber zufrieden wieder Zuhause angelangt und konnten wenigstens noch kurz Ewa trösten, deren Freund mittags für einige Monate nach Kanada geflogen war. Dann fiel ich müde ins Bett und träumte von Grashüpfern und Micheladas.

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