Wegen des Tags der Toten hatten wir ein verlängertes Wochenende bekommen. Ewa, die Freitag abend erst von ihrer Klassenfahrt wiedergekommen war, und ich hatten aber das Pech beide noch am Samstag arbeiten zu müssen. Ich hatte bereits am Freitag die kranke Susanne auf einer Messe ersetzt. Meine Nacht zum Samstag fing dann zwar sehr lustig mit hohem österreichischen Besuch, Bier und Mezcalschnaps an, endete aber in Bauchkrämpfen und wurde somit eine schlaflose. Die Folge war, dass es mir nach einer medikamentösen Behandlung zwar sofort wieder gut ging, ich aber die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und dementsprechend munter meine Stunden auf der Messe abstand. Nach dem ich von dort in die Freiheit entlassen wurde, versuchte ich Zuhause vergebens noch etwas zu schlafen. Ewa kam gegen acht nach Hause, warf ihre Sachen zusammen (nein, packen konnte man das nicht nennen) und dann düsten wir zum Flughafen, wo mir mal wieder meine Lebensunfähigkeit unter die Nase gerieben wurde (wir mussten fast tausend Pesos extra bezahlen, weil ich Schussel vergessen hatte, etwas wichtiges mit auszudrucken). Pünktlich um elf startete die kleine Billigfliegermaschine Richtung Wochenende. In Guadalajara, der zweitgrößten Stadt des Landes, die sich nicht nur durch ihre besonders hübschen Bewohner (und das hatte ich aufgrund meines Freundeskreises ja schon vorher feststellen können) auszeichnet, holte uns Paty zusammen mit ihrer Kindergartenfreundin Jessica (deren Eltern Uruguayer sind und die bis sie acht war in Mexiko gelebt hat und gerade nach fünf Jahren Spanien und einem kurzen Aufenthalt in Uruguay wieder in Guadalajara gelandet war) vom Terminal ab, welches wir zu unserer Belustigung zuerst fälschlicherweise für den Flughafen hielten (man stieg aus dem Flugzeug aus und befand sich quasi am Taxistand). Wir fuhren zu ihr nach Hause, lernten kurz ihre Mutter kennen, verteilten Geschenke und fuhren dann weiter, um uns mit Carmen, Roccos bester Freundin, die ich ebenfalls in Deutschland kennen gelernt hatte, und einigen ihrer Freunde zu treffen. Wir landeten in einem auf alternativ gemachten, angeblich besetzten Haus, aus dem man eine Mezcaleria gemacht hatte. Dort setzten wir uns in den Garten, tranken Bier und Mezcal und quatschten. Irgendwann beschloss die Mädchenriege dann aber weiterzuziehen und obwohl Carmen und ihre Freunde eigentlich noch nachkommen wollten, sahen wir sie dann leider nicht mehr wieder. Wir gingen also noch in eine andere Bar, die trotz Halloween erstaunlich leer war, und schließlich noch an einer weiteren vorbei, die aber inzwischen schon fast geschlossen wurde. Deswegen fuhren wir vier dann nach Hause. Meine Schlaflosigkeit hatte sich auch inzwischen bemerkbar gemacht.
Sonntag schliefen wir aus und gingen dann zum Frühstück "tortas ahogadas" essen (das ist ziemlich leckeres baguetteartiges Brot, das mit Fleisch gefüllt und dann mit Chilisauce begossen wird (sehr typisches Gericht für Guadalajara). Danach begann die VIP-Stadttour: die Kathedrale, die Plätze der wunderschönen kolonialen Innenstadt (überall waren aufgrund des Totentags verkleidete Skelette aufgestellt), ein anonyme Alkoholiker (achja, und Kellner), der uns begleiten wollte und schließlich zur Krönung el Hospicio Cabañas, ein wunderschönes altes Hospiz (Weltkulturerbe), dessen Inneres ein riesiges Decken- und Wandgemälde von José Clemente Orozco ziert. Dieses ist wirklich das eindrucksvollste Gemälde, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Danach fuhren wir noch kurz nach Zapopan, was eigentlich ein Vorort von Guadalajara ist, aber die beiden gehen fließend ineinander über. Wir bewunderten die koloniale Kirche in der Dunkelheit und leider nur von außen und schlenderten über den Marktplatz, auf dem noch sehr viel los war. Danach fuhren wir wieder zu Paty zurück und verließen das Haus auch nur kurz, um mit ihrer Mutter noch Hamburger essen zu gehen (sehr lecker!).
Montag standen wir wiederum spät auf und zum Frühstück gab es diesmal Chilaquiles, die Patys Mutter für uns zubereitet hatte. Anschließend machten wir eine kleine Autofahrt durch einige weitere Teile der Stadt und holten dann Jessica von ihrer Arbeit ab, um gemeinsam mit ihr nach Tlaquepaque, einem süßen kleinen Ort in der Nähe zu fahren. Vorher hielten wir noch an, um uns mit Tejuino zu stärken, einem Getränk, das aus Mais (woraus sonst?) gewonnen wird (und unglaublich lecker ist!). In Tlaquepaque spazierten wir durch die Stadt und trafen uns schließlich noch mit den österreichischen Freunden von Ewa, die neulich auch zu Besuch in DF waren und n Guadalajara wohnen. Mit ihnen gingen wir uns die "ofrendas" (zu Deutsch wäre das wohl so etwas wie "Opfergaben", gemeint sind Altäre, die man für den Totentag zu Ehren der Toten errichtet, dort werden Dinge "geopfert", die der Tote gerne mochte und dazu werden Totenköpfe, Blumen und jede Menge anderer bunter Dinge gelegt) in der Casa de la Cultura ansehen. Es ist eine Tradition, die sehr typisch mexikanisch ist und die sich meines Erachtens auch kaum in Worte fassen lässt. Nachdem wir dann feststellen mussten, dass ein Friedhof in Guadalajara, der besonders schön sein soll, noch geschlossen war, gingen wir alle zusammen noch kurz Kaffee bzw. Bier trinken und fuhren dann zu Paty zurück. Dort gab es "Fleisch im eigenen Saft", von der Mutter selbst gekocht und unglaublich lecker. Anschließend fuhr Paty uns zur Busabfahrtsstation, wo wir müde, voller Eindrücke und traurig wieder in den Bus Richtung Hauptstadt stiegen. Das einzige, was uns trösten konnte, war die High-Tech-Ausstattung des Buses. Jeder Sitz hatte seinen eigenen Fernsehbildschirm, wo man selbst Filme auswählen konnte. Ich sah (endlich!) "Das geheime Leben der Worte", was mich anschließend auch kaum schlafen ließ.
Kurz vor sechs Uhr morgens kamen wir wieder in der Kälte des Molochs Mexiko-Stadt an. Vollkommen übermüdet fuhren wir mit dem Taxi nach Hause und fielen ins Bett. Damit verschlief ich dann auch den halben Tag und verbrachte den Rest damit, zu lesen und Ewa beim Korrigieren von Arbeiten zu helfen. Da es ja quasi Sonntag war, beendeten wir den Abend mit Tatort und der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Arbeitswoche.
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